HONGi Interview: Brigitte Holzinger zur Studie “Wie schlafen wir in den Zeiten der Corona?”

Lesedauer: ca. 7 Minuten

Treue Leser unseres Blogs können sich bestimmt an Frau Doktor Brigitte Holzinger von dem Institut für Bewusstseins- und Traumforschung erinnern. Mit ihr hatten wir voriges Jahr ein spannendes Interview zum Thema “Schlaf und Träume”. Heuer ist Brigitte Holzinger an einer internationalen Studie beteiligt, die Schlaf in den Zeiten von Corona-Pandemie erforschen soll. Wie schlafen wir? Was träumen wir? Gibt es Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern?

Fragen über Fragen und dazu kommen noch sehr spannende Hintergründe der Studie. Wir wollten mehr wissen und haben mit Frau Holzinger ein interessantes Gespräch geführt. Wie kamen sie und ihr Institut für Bewusstseins- und Traumforschung überhaupt auf das Thema? Was erwartet sie sich von den Ergebnissen und welche interessanten Erkenntnisse konnte sie bereits im Vorfeld erzielen? Diese Fragen und noch viel mehr werden hier beantwortet. Und falls du Interesse hast, deine Erfahrungen mit Schlaf in der Pandemiezeit zu teilen, kannst du noch bis 15. Juli 2020 an der Studie teilnehmen: Fragebogen: Auswirkungen der COVID-19 Pandemie auf den Schlaf.

 

HONGi: Frau Holzinger, warum möchte man die Auswirkungen der Covid-19 Pandemie auf den menschlichen Schlaf erforschen? Wie kam es zu der internationalen Studie?

Frau Holzinger: Es sind Genau genommen 2 Projekte, die sich mit diesem Thema beschäftigen und an denen ich arbeite. Projekt Nummer 1 hat bereits eine Woche nach dem Shutdown begonnen, weil ich plötzlich von vielen Seiten gehört habe, dass Menschen auf einmal so gut schlafen und intensiv träumen, wie sonst nie. Ich war darüber sehr erstaunt, denn man würde erwarten, dass die Ängste und Unsicherheiten den Menschen den Schlaf rauben. Ich bin neugierig geworden und habe beschlossen, dies zu dokumentieren. Ich wollte wissen, ob es tatsächlich so ist, dass durch den Shutdown alle zu mehr Ruhe finden, oder ob ich nur zufällig mit solchen Personen in Verbindung war. Ich bat diese und weitere Menschen also darum, zu dokumentieren, wie sie schlafen und träumen. 

Schlaf-Corona-StudieDaraus hat sich die zweite Studie ergeben. Das ist ein internationales Projekt: Durch meine erste Studie habe ich auf mich aufmerksam gemacht und wurde gefragt, ob ich Interesse hätte, bei der internationalen Studie mitzumachen und für Österreich die Verantwortung zu übernehmen. Diese Studie ist ein wenig anders: Die Forscher aus den anderen Ländern haben die Hypothese aufgestellt, dass Menschen in COVID-19-Zeiten schlechter schlafen und Probleme mit dem Schlaf haben. Also das Gegenteil zu meiner Hypothese. Das ist für mich sehr spannend zu beobachten.

Vielleicht ist es in Österreich tatsächlich so, das Menschen trotz oder dank Corona besser schlafen und dies etwas damit zu tun hat, dass das Vertrauen in die Regierung während des Shutdowns so groß war. Und natürlich auch damit, dass die Menschen plötzlich ein Timeout von ihrem stressigen Alltag hatten und ein wenig aufatmen konnten. Aber vielleicht irre ich mich und es sind nur bestimmte Leute, die vorher unter Druck standen und deshalb plötzlich mehr Erholung fanden. Vielleicht wird die internationale Annahme, dass Menschen während den COVID-19-Zeiten schlechter schliefen, bestätigt. Es kann aber auch damit zusammenhängen, dass es Länder gab, wo die Betroffenheit sehr hoch war und die Menschen somit auch ängstlicher wurden, was einen negativen Einfluss auf den Schlaf hatte – im Vergleich zu Österreich,wo viele Menschen mit COVID-19 nicht persönlich in Berührung kamen.

Spannend wird auch die Antwort auf die Frage, ob die Erkrankung selbst einen Einfluss auf den Schlaf hatte und wenn ja, wie der Zusammenhang zwischen der Ausprägung von COVID-19 und dem Schlaf war. 

 

Eltern im Homeoffice, Kinder beim Homeschooling, Omas und Opas oftmals wochenlang isoliert… Ist die Studie auf eine bestimmte Altersgruppe oder Personengruppe beschränkt?

Nein, sie ist nicht beschränkt, aber es wird sicher spannend zu beobachten, ob es bei Menschen, die in Beziehungen leben, gegenüber zu Alleinstehenden, Unterschiede beim Schlafen gab. Natürlich standen Menschen, die alleine leben, vor anderen Herausforderungen und hatten vielleicht auch mehr damit zu kämpfen, dass sie plötzlich zu Hause sein mussten. Andererseits waren gerade viele Beziehungen in der COVID-19-Zeit sehr problematisch, Stichwort Gewalt… 

Und dann gibt es noch junge Paare mit Kindern – da bin ich gespannt, wie es denen mit dieser Mehrbelastung durch Homeoffice, Kinder, Isolation ging. 

 

Welche weiteren Faktoren werden bei der Studie sonst noch berücksichtigt?

Natürlich werden auch persönliche Vorlieben eine Rolle spielen. Zum Beispiel, wer mag Homeoffice und wer nicht. Wie wirkt der Shutdown auf Menschen, die Austausch mit Kollegen für ihr Leben brauchen und wie kommen damit Menschen klar, die sehr gerne von Zuhause aus arbeiten? Wie reagieren Menschen darauf, dass sie keine Außenkontakte mehr haben dürfen? Es gibt viele Faktoren, die eine Rolle spielen könnten und sich negativ oder positiv auch auf den Schlaf und unsere Träume auswirken könnten. 

 

Corona macht uns Sorgen, deshalb schlafen wir alle schlechter – ist es so einfach? Kann man schon jetzt Prognosen über den Ausgang der Studie abgeben? 

Studie Befragung Schlaf Corona (1)Ich denke, dass soziale Kontakte viel wichtiger sind, als man glaubt. Deshalb ist die Frage, was die soziale Isolierung mit uns machte und welchen Einfluss sie auf uns tatsächlich ausgeübt hat. Auf unseren Schlaf und unsere Träume… 

Aber weil mir viele Menschen berichtet haben, dass sie mehr und intensiver geträumt haben, lautet meine Hypothese: Menschen, die unter keinen psychischen Krankheiten leiden und auch sonst keine groben, mentalen Probleme aufweisen, haben in der COVID-19-Zeit besser schlafen und träumen können, als sonst. Aber alle, die in schwierigen Situationen gefangen sind oder psychisch nicht so stabil, haben wahrscheinlich schlechteren Schlaf gehabt. 

 

Es handelt sich um eine internationale Studie – wer ist noch beteiligt und wie kam es dazu? 

Gestartet hat die Studie in Finnland, danach folgte Norwegen, Österreich, Deutschland, Frankreich, Italien, Schweden, und Kanada. Letzteres Land sogar in zwei Sprachen. Ich hab die USA mit ins Boot geholt. Und anschließend auch Brasilien. Dann sind noch Japan, China, Hongkong und Großbritannien dabei. 

Es ist so, dass sich Forscher teilweise untereinander vernetzen. Es besteht ein großes Interesse daran, gerade auch die stark betroffenen Länder mit ins Boot zu holen, um gut vergleichen zu können. Welches Land dazu kommt, hängt teilweise auch von persönlichen Kontakten ab. Man kennt sich flüchtig untereinander – von verschiedenen Kongressen, oder auch von Publikationen… 

Ich hab die USA vorgeschlagen, weil ich die einzige Vertretung auf dem Gebiet “Traumforschung” bin und ich wollte somit auch mir bekannten Kollegen aus der Traumforschung dabei haben. So können wir auch die Daten zum Thema Träumen gut aufarbeiten und vergleichen. Mein Vorschlag wurde zum Glück sehr gerne angenommen.

 

In den einzelnen Ländern gab und gibt es mitunter ja einen sehr unterschiedlichen Umgang mit der Krise und den Schutzmaßnahmen… Rechnen Sie mit länderspezifisch unterschiedlichen Ergebnissen? Oder ist anzunehmen, dass die Auswirkungen auf den Schlaf sich länderübergreifend gleichen?

Es wird bestimmt einen riesen Unterschied ausmachen und ich bin schon sehr gespannt, was dabei rauskommt. Die große Frage für mich ist: Wird Schweden – abhängig von dem lockeren Umgang mit der Situation – so viel anders sein als Österreich? 

Ich muss ehrlich sagen: Als ich meine Beobachtung, dass Menschen in Österreich während des Shutdowns gut schlafen konnten, als Hypothese formuliert habe, waren alle Forscher aus den anderen Ländern darüber erstaunt. Weil es sonst keiner so mitbekommen hat… Wir werden sehen ob es sich wirklich nur um einen Zufall handelt und es nur auf die einzelnen Personen bezogen war, oder ob es tatsächlich die Mehrheit so empfunden hat. 

Für mich als Schlafcoach wäre die Bestätigung meiner Hypothese, wie Wasser ins Öl zu gießen, weil es bedeuten könnte, dass wir uns vor lauter Druck, unter dem wir leben, nicht erlauben, ruhig und gut zu schlafen. Es würde bedeuten, dass diese Ausnahmesituation mit COVID-19 uns aufgezeigt hat, dass wir uns eine ungesunde Welt erschaffen haben und uns gerade diese schwierige Zeit eine Erleichterung brachte… Ist es in den anderen Ländern auch so? Leben wir in einer Welt, die uns krank macht und die wir uns selbst so gestaltet haben? Wir stehen dauernd unter Druck: Termine, Arbeit, Familie und das alles müssen wir unter einen Hut bringen… Die typische Kleinfamilie, in der wir leben, ist nicht so einfach zu bewältigen… Vielleicht werden wir nach der Pandemie über unsere Lebensform nachdenken und nach gesünderen Formen des Lebens suchen. Weil, wie wir wissen, wirkt guter Schlaf auf unsere Gesundheit. Also sollten wir darauf achten, dass wir gut schlafen können.

 

In Österreich wird die Studie vom Institut für Bewusstseins- und Traumforschung unter Ihrer Leitung abgewickelt. Beteiligt an der Studie ist neben der Österreichischen Gesellschaft für Schlafmedizin und Schlafforschung allerdings auch die Arbeiterkammer Wien. Wieso?

Meine Kollegen, die weltweit forschen, sind universitär eingebettet und arbeiteten während der Pandemie selbst im Homeoffice – das heißt, sie bezogen auch während der gesamten Zeit ihr Gehalt. Ich bin allerdings frei schaffende und somit habe ich durch den Shutdown viel verloren: Seminare und Vorträge sind weggefallen, ich konnte kein Schlafcoaching mehr anbieten… Somit hatte ich also keine finanziellen Ressourcen für diese Studie gehabt und schaute mich deshalb um, für wen es interessant sein könnte, die Studie durchzuführen. 

Ich habe bei der Arbeiterkammer Wien angefragt, weil bei dieser Studie auch die Arbeitssituation erforscht wird: Ist Homeoffice gut für die Angestellten und wenn ja warum und umgekehrt… Daraus können wir für die Zukunft unsere Schlüsse ziehen und lernen, wofür man sich bei der Arbeiterkammer Wien einsetzen sollte und warum. In welcher Situation und unter welchen Bedingungen wäre die Arbeit im Homeoffice besser und wann wiederum nicht? Ein sehr spannendes Thema für die Arbeiterkammer Wien! So kam es zur Kooperation. Und ich bin mir sicher, die Studie bringt etwas weiter. Für Wien und vielleicht auch österreichweit.

 

Wann ist mit den Ergebnissen der Studie zu rechnen?

Bis 15.Juli ist unser Fragebogen online, dann werden die Daten pro Land ausgewertet. Das heißt, jeder hat selbst die volle Verantwortung für die Daten seines Landes. Nachdem die Auswertung länderintern durchgeführt wurde, werden die Daten zusammengeführt und verglichen. Es wird eine umfassende Publikation dazu geben und dann kommen noch spezialisierte Themengebiete hinzu: Zum Beispiel Bereiche wie Schlafapnoe, Träume, Insomnie… Dazu werden auch Publikationen veröffentlicht. Wir werden mit der Arbeiterkammer Wien vermutlich im August unsere Ergebnisse bei einer Pressekonferenz präsentieren. 

 

Wie ging und geht es Ihnen selbst während der Corona-Zeit? Hatte die Covid-19 Pandemie spürbare Auswirkungen auf Ihr Schlafverhalten?

 

Ich hab besser geschlafen als sonst: Regelmäßig habe ich wunderbare 8 Stunden durchgeschlafen. Ich habe mir dann auch noch weitere Gedanken zum Thema Schlaf gemacht: Ob auch die Umweltfaktoren einen Einschluss haben könnten. Zum Beispiel plötzlich kein Flugverkehr und somit mehr Ruhe, oder auch einfach nur weniger Hektik auf der Straße und mehr Zeit, die wir in Ruhe zu Hause verbracht haben. Vielleicht haben diese Faktoren mehr Einfluss auf unseren Schlaf, als wir tatsächlich glauben. Vielleicht hat gerade diese aufgezwungene Ruhe zum besseren Schlaf geführt.

 

Welche allgemeinen Tipps haben Sie für ruhigen Schlaf in Zeiten großer Sorgen und Ängste?

Das schöne ist, dass alles, was uns gut tut, auch dem Schlaf gut tut: Also gesunde Ernährung, Sport, keine späten Mahlzeiten, Förderung der mentalen Gesundheit, regelmäßiges Zu-Bett-Gehen, Pflege der inneren Uhr… Das sind die besten Maßnahmen. Auch sollte man sich auf den Schlaf und auf die Träume freuen und nicht den Schlaf vermeiden wollen. Damit steigert sich auch die Schlafqualität.

 

Wie haben Sie sich die Zeit während des Shutdowns verkürzt?

Ich habe an zwei Projekten gearbeitet, die ich schon länger vorgehabt hatte. Und zwar habe ich eine App und ein Hörbuch entwickelt: 

Die Dream sense memory App ist in der COVID-19-Zeit entstanden und ich verwende sie selber. Ich finde sie richtig toll, aber sie wird natürlich laufend verbessert. In dieser App kann man Träume dokumentieren und sich damit beschäftigen – und zwar regelmäßig. Man entwickelt dadurch einen sehr guten Bezug zu den inneren Bildern. Dies hilft einem schon sehr weiter. Es geht in der App zwar “nur” um Träume, aber es hilft indirekt auch dem Schlaf selbst!

Das zweite Baby der COVID-19-Zeit ist das Audiobuch namens Das Tor zum Schlaf. Hier wird autogenes Training, kombiniert mit beruhigenden Klangschalen, als Einschlafhilfe angewandt. Derzeit ist es leider nur für Android verfügbar, aber ab dem 6.August werden auch IOs-User das Audiobuch herunterladen können.

 

Vielen Dank für das Interview, Frau Holzinger, wir sind schon auf die Ergebnisse Ihrer Studie gespannt!

Wer noch an der Studie teilnehmen möchte, kann bis 15. Juli hier den Fragebogen ausfüllen. Die Ergebnisse werden wir natürlich auch in unserem Blog teilen. 

 

Text: HONGi / Bilder: Ava Sol, Brigitte Holzinger und Free-Photos

Bist du bereit für dein neues Schlaferlebnis?

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