Gespenster im Kopf: Die biologische Geisterstunde

Lesedauer: ca. 5 Minuten

Der Himmel ist schwarz, das Land in Dunkelheit getaucht, die Welt schlummert und schnarcht leise vor sich hin. Auch man selbst liegt im Bett, wohlgebettet auf einer bequemen Matratze, gut eingepackt unter einer kuscheligen Decke… doch starrt mit weit aufgerissenen Augen in die Finsternis. Frierend, unruhig, schlaflos. Die bleierne Stille im Raum scheint erdrückend, dunkle Gedanken geistern einem durch den Kopf, ein nagendes Gefühl von Einsamkeit macht sich breit.

Ein unheimliches Phänomen, welches vielen nur allzu bekannt ist: Wie epidemiologische Studien zeigen, sind zahlreiche Menschen regelmäßig von diesem nächtlichen „Tief“ betroffen. Die Wissenschaft bezeichnet diesen Zustand als „biologische Geisterstunde“ oder auch „biologische Mitternacht“.

Viele Halbwahrheiten, Mythen und Geschichten ranken sich um das Thema Schlaf – diese (Grusel-) Geschichte ist wahr. Was aber bedeutet das für Körper und Bewusstsein? Spuken zu dieser Stunde tatsächlich Geister der Nacht durch unsere Schlafzimmer? Und: Wann genau schlägt die biologische Geisterstunde?

Die innere Uhr tickt…

Unsere innere Uhr regelt unseren biologischen Rhythmus und steuert unsere Leistungsfähigkeit. Sobald es draußen dämmrig wird, signalisiert sie, dass es an der Zeit ist, Schlafen zu gehen. Die Zirbeldrüse im Gehirn produziert daraufhin das Schlafhormon Melatonin, dieses wird ins Blut ausgeschüttet, wir werden schläfrig.

Nach dem Einschlafen befinden sich unsere Schlafphasen in stetem Wechsel: Tiefschlaf- und REM-Schlafphasen wechseln in einem Rhythmus von 60-90 Minuten, wobei die Tiefschlafphasen immer kürzer, die REM-Phasen hingegen immer länger werden. Nach vier bis fünf Stunden Schlaf besteht erstmals die Tendenz, aufzuwachen.

Nun geht der durchschnittliche Schläfer zwischen 22 und 23 Uhr schlafen und steht morgens gegen sechs oder sieben Uhr auf. Ab ca. drei Uhr morgens wird der Schlaf des Durchschnittsschläfers – nach etwa vier Stunden – daher leichter. Die innere Uhr beginnt langsam, die Aufwachphase einzuleiten, indem sie die Ausschüttung unseres körpereigenen „Wachmachers“ Cortisol anregt (auch bekannt als das „Stresshormon“).

Hat unsere innere Uhr in den bisherigen Stunden der Nacht nur leise getickt, läutet sie nun lautstark zur biologischen Geisterstunde…

 

Biologische Geisterstunde: Wenn die Nacht zum Albtraum wird

Die biologische Geisterstunde schlägt durchschnittlich zwischen drei und vier Uhr morgens. Kein Wunder, handelt es sich hierbei doch um eine bedeutsame Uhrzeit: Körper und (Achtung, Wortspiel!) Geist befinden sich zu diesem Zeitpunkt in einem absoluten „Leistungstief“.

Während wir schlafen, läuft unser Körper grundsätzlich auf „Sparflamme“ – im wahrsten Sinne des Wortes: Der Blutdruck sinkt ab, Puls und Atmung verlangsamen sich. Auch die Körpertemperatur sinkt stetig ab, zur biologischen Geisterstunde erreicht sie ihren Tiefststand. Gänsehaut pur!

Wer just zu diesem Zeitpunkt erwacht, friert, fühlt sich schlecht und allgemein „schwach“. Tatsächlich besagen Statistiken, dass zu dieser Zeit auch vermehrt Todesfälle verzeichnet werden.

Allerdings spuken hier weder Geister der Nacht durch unsere Schlafzimmer, noch sind finstere Mächte am Werk – Schuld daran ist viel eher ein verhängnisvoller Hormoncocktail.

 

Halloween-Biologische-Geisterstunde

Hormonhorror zur Geisterstunde

Zur biologischen Geisterstunde ist der Körper an einem Wendepunkt angelangt: Die Tiefschlafphase endet, der Schlaf wird allgemein leichter.

Hat der Körper bis jetzt noch verstärkt Melatonin ausgeschüttet, erfolgt nun der Wechsel auf das „Stresshormon“ Cortisol: Dieses unterbindet weiteren Tiefschlaf, soll die Körpertemperatur wieder heben und den Kreislauf in Schwung bringen, um den Körper langsam auf das Aufwachen vorzubereiten.

Erwacht man just zu dem Zeitpunkt, da sich Schlafhormon und Stresshormon kurzfristig „in die Quere kommen“, wird die weitere Nachtruhe zur Herausforderung: Das Wieder-Einschlafen ist deutlich schwerer, da der Körper bereits mit seinem Aufwach-Programm gestartet hat.

 

Gespenster im Kopf

Nun ist klar, woher Kältegefühl, Unruhe und Schlaflosigkeit rühren – nicht aber, warum uns die biologische Geisterstunde derart aufs Gemüt schlägt. Warum werden ausgerechnet zu dieser nächtlichen Stunde finstere Gedanken-Gespenster wach, die uns erbarmungslos, bis zum Morgen, durch die Köpfe geistern?

Die Antwort ist auch hier im menschlichen Hormonhaushalt zu finden: Mit Ende der Tiefschlafphase – genau zu Beginn der biologischen Geisterstunde – erreicht die Melatoninkonzentration im Blut durchschnittlich ihren höchsten Stand.

Das Schlafhormon wirkt „beruhigend“ und verlangsamend auf den gesamten Organismus, der Körper wird dadurch in den Ruhemodus versetzt. Einfach traumhaft, solange man dabei schläft – umso „albtraumhafter“ jedoch, wenn man ausgerechnet zu dieser Zeit wach liegt. Dann nämlich bekommt man den erhöhten Melatoninspiegel im Blut auf sehr unangenehme Art und Weise zu spüren: Denn ein „Zuviel“ an Melatonin im Wachzustand drückt spürbar auf die Laune, wie wir aus den düsteren, sonnenarmen Wintermonaten nur zu gut wissen.

Während der biologischen Geisterstunde befindet sich der Körper also nicht nur in einem Leistungs-, sondern auch in einem erheblichen Stimmungstief: Dunkelheit und Stille um einen herum wiegen jetzt doppelt schwer auf der müden Seele, man friert und ist unruhig, fühlt sich einsam und „verlassen“. Tatsächlich ist dieser Zustand laut Wissenschaft vergleichbar mit einer kurzfristigen Depression.

Im Idealfall verschlafen wir diese Phase schlichtweg – allerdings hat unser körpereigener „Wachmacher“ da ein Wörtchen mitzureden: Wird man nämlich genau dann wach, wenn die Melatoninkonzentration zwar am höchsten ist, zeitglich jedoch die bereits beginnende Cortisol-Ausschüttung weiteren Schlaf erschwert, sind die besten Voraussetzungen für nächtliche Sorgenwälzereien gegeben.

Geht es um unsere Ruhe- und Wachphasen, sind wir unterbewusst nämlich sehr streng mit uns selbst – mehr noch, als uns vielleicht bewusst ist. Kaum liegen wir nachts eine Weile wach, geraten wir in regelrechte Angst- und Stresszustände. Hilfreiche oder gar beruhigende Ablenkung gibt es, mitten in finsterster Nacht, kaum – man hat also, leider, Zeit zum Nachdenken: Warum können alle anderen schlafen, nur ich nicht? Warum muss ich morgen diesen furchtbaren Termin im Büro haben? Wo ich doch jetzt ohnehin nicht ausschlafen kann? Warum läuft bei mir eigentlich nie was glatt?

… so drehen unsere „kopfeigenen“ Gespenster unser Gedankenkarussell immer weiter und weiter…

Halloween-Gespenster-Biologische-Geisterstunde

Mach dem Spuk ein Ende!

Hormonchaos innen, Gänsehaut außen, Gedanken-Gespenster im Kopf: Der reinste Albtraum!

Zu allem Überfluss kann sich die biologische Geisterstunde durchaus wie eine halbe Ewigkeit anfühlen: Liegt man nämlich inmitten vollkommener Dunkelheit regungslos wach, ist man tatsächlich kaum in der Lage, zu beurteilen, wie lange dieser Zustand bereits andauert.

Haben „deine Gespenster“ dich pünktlich zur Geisterstunde wieder mal unfreiwillig geweckt, bist du ihnen allerdings nicht hilflos ausgeliefert. Wie bei vielen anderen Einschlafproblemen helfen auch hier einfache, belanglose Tätigkeiten, welche effektiv ablenken, dabei allerdings nicht zu sehr anstrengen und jederzeit problemlos abgebrochen werden können, sobald die Augenlider wieder schwer werden. Empfehlenswert ist zum Beispiel das Lesen von Büchern bei sanftem, gedimmtem Licht oder Atemübungen. Wichtig ist lediglich, dich selbst nicht unter Druck zu setzen – und schon gar nicht im Minutentakt auf den Wecker zu blicken. Keine Sorge: Sobald die ersten Sonnenstrahlen durchs Fenster fallen und die Dunkelheit verdrängen, flüchten die bösen Geister ohnehin zurück in ihr finsteres Reich…

Was dem kitschigen Ende eines Horrorromans entrissen scheint, entspricht in diesem Fall tatsächlich (fast) der Realität: Bis zum Morgen sinkt die Melatoninkonzentration im Blut kontinuierlich, der Cortisolspiegel im Blut erreicht seinen höchsten Stand, die depressiven Verstimmungen vergehen. Wir sind munter und sehen die Welt, im Schein der Morgensonne, gleich in ganz anderem Licht – der nächtliche Spuk findet auf natürlichem Wege ein Ende.

 

Apropos Geister! Kennst du schon unsere spannende Gute-Nacht-Geschichte? Auch Prinzen wird manchmal von bösen Geistern der Schlaf geraubt…

Text: HONGi / Bilder: Pedro Figueras, Toa Heftiba und Karolina Grabowska

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