Alle unter einer Decke: Das Familienbett – Segen oder Fluch?

Lesedauer: ca. 6 Minuten

Kaum ein Thema wird so breit diskutiert und sorgt für so viel Unsicherheit wie das Thema Schlaf und Kinder. Viele Eltern beschäftigt die große Frage: Darf ein Baby bei mir im Bett schlafen? Und ab wann sollte mein Kind dann alleine schlafen können? 

Gerade frischgebackene Eltern hören von vielen Seiten die veraltete Meinung, dass ein Baby im elterlichen Bett einer Gefahr ausgesetzt wäre, oder womöglich viel zu verwöhnt werden könnte. Doch das Phänomen “Familienbett” scheint vielen Familien schöne, ruhige Nächte zu bescheren. Wir sehen es uns deshalb genauer an.

Alle schön unter einer Decke. So wie es früher ganz üblich war. Viele Großmütter erzählen noch heute, wie sie knapp geschlichtet zu viert in einem Bett schliefen. Drei nebeneinander und das vierte Kind bei den Füßen. Unvorstellbar? Vielleicht, dennoch ganz natürlich, wie die Geschichte des Schlafens zeigt…

 

Gemeinsames Schlafen früher

Früher wurde das Überleben unserer Säuglinge durch das gemeinsame Schlafen gesichert. Ohne die Eltern wären kleine Babys von wilden Tieren verschleppt worden, oder hätten an Unterkühlung sterben können. So war die Nähe zu den engsten Bezugspersonen entscheidend für das Überleben des Nachwuchses. 

Doch auch später – etwa im Mittelalter – war das gemeinsame Schlafen ein Normalzustand. Die ganze Familie schlief meistens um den Ofen herum, vereint in einem Raum. Später, als sich auch die breite Bevölkerung ein Bett leisten konnte, war es sehr praktisch, wenn viele beieinander lagen und sich so gegenseitig wärmen konnten. 

Doch auch heute ist das gemeinsame Schlafen in vielen Kulturen üblich: Tatsächlich schläft die Mehrzahl der Babys weltweit im Elternbett. Nicht nur bei afrikanischen Naturvölkern, sondern im Großteil der asiatischen, südamerikanischen und südeuropäischen Länder. Selbst in den USA gaben fast 70 % der Mütter an, dass ihr Kind mehrmals pro Woche bei ihnen im Bett schläft. Auch in Großbritannien waren es über 50 % der Mütter. Den Zahlen zufolge ist ein Familienbett also viel häufiger als Babys, die alleine im Kinderzimmer übernachten.

 

Was ist ein Familienbett?

Es gibt verschiedene Formen von Familienbetten. Manche legen ihre Kinder einfach zu sich ins elterliche Bett, wo es aber mit der Zeit ziemlich eng werden kann. Andere besorgen sich ein Beistellbettchen und legen ihr Baby dort hin. Immer beliebter werden allerdings übergroße Betten, die ins Schlafzimmer gestellt werden. Denn ein 270 cm breites Bett sorgt für genug Komfort für alle Beteiligten. 

 

Welche Vorteile bietet ein Familienbett?

Das Schlafen am Körper der Mutter verhilft jungen Babys zu einem stabileren Herzschlag und Atmungsrhythmus, und hilft zudem auch, die Wärme besser zu halten. In den ersten Wochen kann das Baby nämlich seine Wärme selbst noch nicht so gut regulieren und ist von Auskühlung bedroht. Messungen zeigen, dass im eigenen Bettchen schlafende Säuglinge eine niedrigere Körpertemperatur haben als Babys, die bei ihren Eltern schlafen.

Familienbett BabyWeitere nächtliche Messungen haben außerdem gezeigt, dass Babys und ihre Mütter viele Schlafstadien im gleichen Takt durchlaufen. Das heißt, dass die Gehirnaktivität, Herzfrequenz, Muskelspannung und die Atmung synchron aufeinander abgestimmt sind. Dies führt dazu, dass die Mütter sehr selten im Tiefschlaf aufgeweckt werden und somit weniger erschöpft sind.

Videoaufnahmen haben auch gezeigt, dass selbst die Bewegungen von Mutter und Kind intuitiv aufeinander abgestimmt sind. So haben schlafende Mütter ihre Babys immer wieder in die sicherste Position – auf den Rücken – gedreht, sie oft im Schlaf gestreichelt oder gekuschelt, was sich positiv auf die Babys auswirkt. Der gemeinsame Schlaf von Eltern und Kindern ist also für alle sehr vorteilhaft. Manche argumentieren zwar, dass sie einen viel leichteren Schlaf haben, wenn das Baby daneben liegt. Studien haben allerdings gezeigt, dass der Schlaf zwar nicht so tief ist, dafür aber erholsamer, denn die Eltern werden nicht aus dem Tiefschlaf gerissen, sondern durchlaufen ähnliche Schlafphasen wie ihre Kinder.

 

Nimmt das Familienbett einen Einfluss auf die elterliche Beziehung?

Ein beliebtes Argument vieler Eltern: Die Zweisamkeit. Allerdings konnte bis heute nicht bestätigt werden, dass sich ein Familienbett negativ auf die Liebesbeziehung auswirken würde. Wenn die Liebesbeziehung der Eltern nach der Geburt “abgekühlt” war, lag es eher an der Müdigkeit, an der neuen Situation, die eine Geburt mit sich bringt und der natürlichen Unlust der Frauen, die ein Baby zur Welt gebracht haben. 

Werden aus einem Paar Eltern, so stehen diese zwei vor neuen Herausforderungen. Plötzlich ist da jemand, der die gesamte Aufmerksamkeit braucht. Wird diese neue Herausforderung gemeistert und das Paar kann seine Liebesbeziehung weiterhin pflegen, ist es unbedeutend, wer wo schläft. Ganz im Gegenteil, auch ein gemeinsames Bett kann eine unglückliche Beziehung kaum retten.

 

Ist das Familienbett gefährlich?

Dass Babys, die alleine in ihrem eigenen Bettchen schlafen, ein geringeres Risiko haben, am plötzlichen Kindstod zu sterben, wurde bereits von der WHO als auch von Kinderärzten und Wissenschaftlern widerlegt. Denn auch das Familienbett kann sehr sicher sein, wenn man ein paar einfache Regeln beachtet. Laut neuesten Studien kann das Schlafen im sicher gestalteten Familienbett das Risiko von plötzlichem Kindstod sogar verringern.

Es ist bekannt, dass der plötzliche Kindstod in den westlichen Industrieländern, wo Babys routinemäßig alleine schlafen, sehr viel häufiger ist als dort, wo Babys nachts bei ihren Müttern schlafen. Außerdem ist bekannt, dass Säuglinge, die in einem eigenen Zimmer schlafen, ein erhöhtes Risiko für den plötzlichen Kindstod haben.

Ganz wichtig: Schläft ein Baby im Familienbett, ist es ratsam, die Finger von Alkohol und anderen Rauschmitteln zu lassen! Auch Medikamente, die sich auf den Schlaf auswirken, dürfen in dem Fall nicht eingenommen werden. Sogar auf Nikotin sollte man verzichten. Leidet einer der Eltern an einer Krankheit, die den Schlaf beeinflusst, ist es besser, das Baby nicht im gemeinsamen Bett schlafen zu lassen. Ansonsten gilt es diese Regeln für ein sicheres Familienbett zu beachten:

  • Auf eine harte Matratze achten (kein Wasserbett)
  • Je größer das Familienbett, desto besser
  • Bett ohne Bettritzen und Matratzenspalten wählen
  • Baby im eigenen Schlafsack schlafen lassen
  • Bettdecken und Kissen der Eltern außer Reichweite des Babys lagern
  • Das Baby sicher platzieren, damit es nicht aus dem Bett fallen kann
  • Keine dekorativen Kissen, schweren Decken oder Kuscheltiere
  • Mama sollte zwischen Papa und Baby schlafen.
  • Ältere Geschwister sollten ebenfalls von dem Baby getrennt sein
  • Auf die ideale Schlaftemperatur für Babys achten (16 bis 18 °C)

 

Werden Babys durch das Familienbett unselbstständiger?

Die Nähe wird in den westlichen Kulturen sehr zweideutig bewertet. Einerseits suchen alle nach einer Person, die einem nahe ist. Andererseits will keiner seine Freiheit und Unabhängigkeit verlieren. Ähnlich ist es auch bei Kindern: Wir wollen sie liebevoll und unterstützend erziehen und gleichzeitig ihre Selbstständigkeit fördern. Die gute Nachricht für alle, die Angst haben, ihre Kinder könnten sich nicht “abnabeln”, wenn sie zu viel Nähe bekommen: Nähe bringt Sicherheit und Sicherheit bringt Lust auf ein Abenteuer. 

OK, das ist ein wenig einfach gesagt. Allerdings steckt etwas Wahres dahinter. Kinder, die ihren sicheren Hafen haben, werden sich, wenn es ihre Reife erlaubt, selbst danach sehnen, selbstständiger zu werden.

So zeigte eine Studie an der Universität von Kalifornien, dass das Schlafen bei der Mutter weder die Fähigkeit, während des Tages allein zu sein, noch die Offenheit gegenüber neuen Situationen verminderte. Ganz im Gegenteil. In dieser Studie schnitten die bei der Mutter schlafenden Kinder sogar besser ab, als die getrennt schlafenden Kinder. Schon in früheren Studien war festgestellt worden, dass die ins gemeinsame Bett aufgenommenen Kinder später die selbstbewusstesten Vorschulkinder sind und auch als Studenten ein höheres Selbstwertgefühl haben. Das gemeinsame Schlafen fördert also eine sichere Bindung zu den Eltern und diese sorgt dafür, dass aus Kindern selbstbewusste und selbstsichere Personen werden.

 

Wie lange darf ein Kind im Familienbett bleiben?

Ihr seid fest entschlossen in einem Familienbett zu schlafen? Dann kommt sicher die Frage, wie lange das Baby im Familienbett bleiben soll. Die kritischen Stimmen hinter eurem Rücken schreien bestimmt schon, ihr werdet das Kind nie wieder aus dem gemeinsamen Bett bekommen. Doch diese Sorge ist unbegründet. Oder kennt jemand von euch einen Erwachsenen, der noch bei seinen Eltern schläft? Oder einen Teenager? Kaum. Denn jeder Mensch verspürt im Laufe des Lebens das Bedürfnis nach Privatsphäre.

Es gibt keine feste Altersempfehlung, wann das Familienbett aufgelöst werden soll. Viele Kinder wollen schon im zarten Alter von 3 Jahren in das eigene Zimmer, manche fragen erst mit 7 oder 8 nach einem eigenen Bett. Ihr könnt dem Kind auch immer wieder anbieten, im eigenen Zimmer zu schlafen. Ganz ohne Stress. Bei vielen Kindern ist es auch leichter, sobald sie zu zweit oder zu mehrt sind, sodass sie mit ihren Geschwistern in einem gemeinsamen Zimmer schlafen wollen. Um unnötigen Druck rauszunehmen, empfehlen wir, keine Altersgrenze zu setzen, sondern zu schauen, wie sich die Situation und das Kind entwickeln. 

Konnten wir euch die Sorgen rund um das Familienbett ein wenig nehmen? Wenn ja, wagt dieses Abenteuer und probiert es aus. Vielleicht werden eure Nächte dadurch viel ruhiger und angenehmer. Doch auch bei diesem Thema gilt – gut ist, was dem Kind und den Eltern gut tut. Wird in einem gemeinsamen Bett kaum noch geschlafen, hat es – allen Vorteilen zum Trotz – kaum einen Sinn, sich zu zwingen, die Nächte weiterhin zusammen zu verbringen. Denn jede Mama und jeder Papa kennt das eigene Kind am besten und wenn es klar ist, dass das Kind im eigenen Bett am besten schläft, ist es nur ratsam, von einem Familienbett abzusehen. 

 

Text: HONGi / Bilder: nicollazzi xiong, Nyana Stoica und PublicDomainPictures

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