Dem Sandmännchen auf der Spur

Lesedauer: ca. 7 Minuten

Noch eine Folge „Sandmännchen“ und dann ab ins Bett… In vielen von uns weckt das kleine Männchen mit Zipfelmütze und Spitzbart nostalgische Kindheitserinnerungen. Zweifelsohne darf das Sandmännchen als DER Klassiker bezeichnet werden, wenn es um Gute-Nacht-Geschichten geht – und das sowohl generationenübergreifend, als auch medienübergreifend. Kinderbücher, Radio, TV, Apps… Es gibt kaum einen Bereich, welchen das Sandmännchen im Laufe seiner jahrzehntelangen Erfolgsgeschichte noch nicht erobert hat.

Über die Jahre ist das kleine Männchen mit Zipfelmütze, weißem Spitzbart und einem Sack voll magischen Schlafsandes scheinbar kaum gealtert. Bis heute bildet das beliebte Format für viele Kinder den Grundstein ihres Abendrituals: Auch nach über 60 Jahren erzählt das Sandmännchen unermüdlich seine Geschichten und erleichtert Kindern das Zubettgehen.

Eine beachtliche “Karriere” – und Grund genug, sich den Werdegang unseres spitzbärtigen Freundes aus Kindheitstagen einmal näher anzusehen. Mach es dir gemütlich, lehn dich zurück – und lass dich von uns auf eine kleine Reise durch die Zeit mitnehmen…

Die Ursprünge – Sandmann vs. Sandmännchen

Die wichtigste Erkenntnis zu Beginn: Sandmann ist nicht gleich Sandmännchen. Ursprünglich ist der Sandmann eine der europäischen Mythologie entstammende Figur. Eine, die keineswegs immer so freundlich daher kam wie das reizende, heute so beliebte TV-Männchen mit Zipfelmütze und Spitzbart…

Durchaus wird die Gestalt des Sandmannes von manchen Quellen auch positiv überliefert: Aus der griechischen Mythologie beispielsweise ist Morpheus, der Gott der Träume und Visionen, bekannt. Die europäische Literatur versteht ihn als „Schlummerkörner“ verstreuenden Traumgott, in anderen Interpretationen wird diese Rolle auch seinem Vater Hypnos, dem Schlafgott, zugesprochen.

Parallel zum Bild der sanften, Schlaf und Träume schenkenden Gestalt entstand allerdings auch eine gänzlich andere traditionelle Auslegung der Sandmann-Figur: Jene des angsteinflößenden, augenausreißenden Dämons. Aus Westeuropa beispielsweise sind viele sogenannte Kinderschreck-Figuren überliefert, welche dazu bestimmt waren, Kinder zum Einschlafen zu zwingen. Die Germanen wiederum verstanden den Schlaf und den Tod als Geschwisterpaar und bezeichneten folglich beide als Sandmann.

Neben Träumebringer und Kinderschreck kennt die Geschichte zudem eine dritte Deutung des Begriffes Sandmann, welche allerdings gänzlich vom Thema abweicht: Sandverkäufer – Wanderhändler, die weißen Sand zu Reinigungszwecken anboten – wurden früher ebenfalls als Sandmänner bezeichnet.

Der Sandmann in Sagen, Märchen & Co.

Die seltsame, geheimnisumwobene Gestalt des Schlafbringers findet sich, historisch bedingt, in diversen Sagen und Legenden. Auch in Österreich kennen wir solche: Laut einer Tiroler Sage beispielsweise soll im Raum Innsbruck das sogenannte „Pechmandl“ umgehen, welches Kinderaugen mit Zirbenharz bestreicht, woraufhin diese zufallen und die Kinder einschlummern.

Auch von Literaten wurde die Figur des Schlafbringers später wiederholt aufgegriffen. Zwei berühmte Vertreter sind E.T.A. Hoffmann mit seiner Schauernovelle „Der Sandmann“ (1816), sowie das Märchen „Ole Lukøje“, übersetzt „Ole Augenschließer“, von Hans Christian Andersen (1841).

Die beiden Interpretationen spiegeln die historische Doppeldeutigkeit des „Sandmannes“ eindrucksvoll wieder, könnten sie doch unterschiedlicher nicht sein: Stellt E.T.A. Hoffmann seinen „Sandmann“ als grausame, Angst und Schrecken verbreitende Figur dar, präsentiert Hans Christian Andersen seinen „Ole Lukøje“ als vergleichsweise sanftes Männlein, welches braven Kindern schöne Träume bringt.

Tatsächlich geht auf Andersens Figur unser heutiges Verständnis von Funktion und Charakter des Sandmannes zurück: Ein freundlicher Geselle, welcher abends die Kinder besucht, ihnen das Zubettgehen erleichtert und bunte Träume schenkt. Entsprechend dieser Vorlage sollten später Figuren für Kindersendungen im Rundfunk entstehen – wie zum Beispiel das berühmte Sandmännchen.

Das Sandmännchen „on air“

Das Vorlesen von Gute-Nacht-Geschichten hat lange Tradition. Schon sehr früh griffen manche Radiosender dieses Konzept geschickt auf: Man entwickelte eigene Abend-Sendeformate für Kinder, gedacht als kleiner Gruß vor dem Zubettgehen.

So hatte der österreichische Sender Rot-Weiß-Rot tatsächlich schon während der Nachkriegszeit die Gute-Nacht-Sendung „Das Sandmännchen“ im Programm. Später sollte dieses von einem engen Verwandten, dem „Traummännlein“, abgelöst werden: Ab September 1955 hieß es immer von 18.55 Uhr bis 19.00 Uhr „Das Traummännlein kommt“. Entwickelt wurde diese Sendereihe von der österreichischen Schriftstellerin und Radioredakteurin Marga Frank. Die jeweils fünfminütigen Geschichten kamen von Größen wie Christine Nöstlinger, Mira Lobe oder Käthe Recheis. Stolze 40 Jahre lang war das Traummännlein „on air“, ehe es 1995 eingestellt wurde. In dieser Zeit entwickelte es sich zu einer der meistgehörten Serien im österreichischen Rundfunk!

In Ostdeutschland ging im DDR-Rundfunk erst am 19. Mai 1956 der erste Sandmann-Abendgruß, vormals „Abendlied“, auf Sendung: „Der Sandmann ist da“. Zuständig dafür war die Kinderbuchautorin und Radioredakteurin Ilse Obrig, welche schon sehr bald eine entscheidende Rolle bei der Entstehung des TV-Sandmännchens spielen sollte…

Sandmännchens Weg ins Fernsehen: Ein Wettlauf gegen die Zeit

Ein kleines, freundliches Männlein, am Kinn ein weißes Spitzbärtchen, am Kopf eine kecke Zipfelmütze und dazu ein Sack voll Schlafsand: Wird vom Sandmann oder dem Sandmännchen gesprochen, haben wir auf der Stelle ein einheitliches Bild im Kopf. Kein Wunder, handelt es sich dabei doch um einen alten Bekannten, den wir während Kindertagen nur allzu oft in unseren Wohnzimmern antreffen durften… Ja, genau: Im Fernsehen.

Der TV-Premiere des Sandmännchens sollte in den späten 1950er Jahren des geteilten Deutschlands allerdings ein erbitterter Ost-West-Wettlauf um die Zeit und – nicht zuletzt – die besseren Zuschauerzahlen vorauseilen.

1958, in Westdeutschland…
Ilse Obrig, jene findige Redakteurin, welche im Rundfunk der DDR bereits für das deutsche Sandmann-Radioformat verantwortlich zeichnete, wechselt vom „Deutschen Fernsehfunk“ (DFF) zum westlichen Sender Freies Berlin (SFB). Schon seit längerem hat sie die Idee, den Sandmann erstmals ins Fernsehen zu bringen – nun soll diese in die Tat umgesetzt werden. Mit der Autorin und Puppengestalterin Johanna Schüppel entwickelt sie eine simple, kleine Handpuppe, woraufhin man beim SFB langsam beginnt, die ersten Folgen zu drehen. Die geplante Erstausstrahlung: 01. Dezember 1959.

Zur selben Zeit in Ostdeutschland…
In der DDR läuft bereits seit einem Jahr die Kinder-TV-Sendung „Abendgruß“ – allerdings ohne Sandmännchen, wenngleich es zu diesem Zeitpunkt (angeblich?) bereits entsprechende Überlegungen gibt. Als man von den ambitionierten Sandmännchen-Plänen des Westens erfährt, ist plötzlich Feuer am Senderdach. Sofort beginnt man ein vergleichbares Konzept zu verwirklichen, um dem SFB zuvorzukommen – zu groß ist die Sorge, der Westen könne dem Osten Zuschauer „abwerben“. Nach dem Vorbild von Hans Christian Andersens „Ole Lukoje“ kreiert der Trickfilmmacher Gerhard Behrendt deshalb eine kleine Sandmann-Figur und verpasst dieser – als Unterscheidung zur literarischen Vorlage – einen Bart.

November 1959: Es ist soweit…
…das Sandmännchen erobert die deutschen Fernsehschirme. Bloß, aus welcher Himmelsrichtung denn nun? Die verblüffende Antwort: Aus dem Osten! Tatsächlich sollte es dem ostdeutschen Sandmännchen gelingen, seinen westlichen „Konkurrenten“ im Eiltempo zu überholen: Die allererste Episode von „Unser Sandmännchen“ lief am 22. November 1959 im DFF. „Sandmännchens Gruß für Kinder“, das Format des westlichen SFB, wurde schließlich wenige Tage später in der ARD ausgestrahlt: Am 01. Dezember 1959 – pünktlich nach Plan, doch neun Tage nach dem östlichen Konkurrenzformat.

Doppelt hält besser.
So kam es, dass zwischen 1959 und 1990 tatsächlich zwei verschiedene Sandmännchen über die deutschen Fernsehschirme flimmerten, wenngleich sich diese, vor allem optisch, stark ähnelten. Die kurzen Episoden wurden als Puppentrickfilm produziert, die Rahmenhandlung bildete jeweils ein kindgerechter Kurzfilm, nach welchem das Sandmännchen seinen Schlafsand verstreute. Das westdeutsche „Sandmännchen“ sollte schließlich jenes sein, welches zuerst von der TV-Bühne abtreten musste: Es wurde bereits am 31.03.1989 aus dem Programm verabschiedet.

Im Zuge der Wiedervereinigung Deutschlands wurden 1990 Gerüchte laut, das Sandmännchen-Format solle vollständig eingestellt werden, woraufhin es zu erheblichen Protesten großer und kleiner Fernsehzuseher kam. Man entschied daher, den beliebten Vorabendgast im Programm zu belassen und ab 1991 das ostdeutsche Format „Unser Sandmännchen“, bis heute für viele das „einzig wahre“ Sandmännchen, fortzusetzen. Die Sendung wurde im Auftrag der ARD weiter produziert und im Vorabendprogramm diverser Fernsehsender ausgestrahlt. Politisch neutrale, alte Folgen des DFF wurden wiederholt, andere neu vertont. Man übernahm einige Figuren des eingestellten westlichen Formats und begann, neue Rahmenhandlungen zu kreieren. Noch einige Jahre nach der Wiedervereinigung blieben Aussehen und Ablauf der Sendung unverändert.

Seit 1999 werden die Episoden nicht mehr als Puppentrickfilm, sondern mittels Computeranimation hergestellt. Auch die Reiserouten des Sandmännchens haben sich geändert: Völker besucht es kaum noch, viel eher ist es in bunten Tier- und Phantasiewelten unterwegs, politische Inhalte wurden gänzlich gestrichen.

Im Laufe der Zeit entstanden zudem verschiedene andere Sandmännchen-Formate: In den 1970er Jahren lief im deutschen WDR beispielsweise die TV-Sendung „Sandmännchen international“, welche mit realen Darstellern produziert wurde.

Servus, Sandmännchen!
Auch in österreichischen Wohnzimmern war das TV-Sandmännchen in den 1960er und 1970er Jahren abends regelmäßig zu Gast, die Figur übernahm man hier von der ARD. Allerdings wurde die Sendung in Österreich „Betthupferl“ genannt, manche Standardtexte (z.B. die Verabschiedung) wurden geringfügig abgewandelt und das – vor allem in Deutschland – so berühmte Sandmännchenlied wurde durch eine Klaviersonate von Wolfgang Amadeus Mozart ersetzt.

Bald schon erlangte das Sandmännchen internationale Bekanntheit: Unter anderem gab es auch in der ehemaligen Sowjetunion sowie in der Schweiz vergleichbare Formate.

schlafendes Kind

Eine Erfolgsgeschichte: Über 60 Jahre Sandmännchen

Heute ist „Unser Sandmännchen“ die älteste, nach wie vor in Produktion befindliche Kinderfernsehsendung: Seit über 60 Jahren flimmert sie früh abends über die Fernsehschirme deutscher Haushalte, über 1 Million kleine und größere Zuseher verfolgen die Sendung durchschnittlich jeden Abend.

Nicht nur in TV und Radio, auch in anderen Bereichen schrieb das beliebte Männchen im Laufe der Zeit Erfolgsgeschichte: Puppen, Kindergeschirr, Postkartenserien… Die Auswahl an “Fanartikeln” ist groß, sogar eine eigene „Sandmännchen App“ gibt es heute.

Natürlich fand das Sandmännchen auch seinen Weg in zahlreiche Kinderbücher, wenngleich diese sich nicht immer zwingend an der TV-Figur orientieren: Der berühmteste Vertreter ist wohl die Geschichte „Sandmännchen auf der Leuchtturminsel“ des Schriftstellers und Dramatikers Rudi Strahl, welche sich zu einem der größten Kinderbuchklassiker entwickelte. Bereits 1963 erschienen, wird das Buch bis heute von der Verlagsgruppe Beltz, dem ehemaligen DDR Kinderbuchverlag Berlin, verlegt.

Fun Facts, Klatsch & Tratsch rund um das Sandmännchen

Pssst! Hast du schon gehört, dass…

  • …es nach Ausstrahlung der allerersten Folge massive Proteste von Eltern gab? Am Ende dieser ersten Episode schläft das Sandmännchen an einer Straßenecke ein. Das Ergebnis: Viele besorgte Kinder schrieben Briefe an die Sendeanstalt, in welchen sie dem armen Sandmännchen ihr eigenes Bett anboten.
  • …dem Sandmännchen sein heute so berühmtes Aussehen (24 cm groß, Zipfelmützchen, weißer Spitzbart) erst im Sommer 1960 verpasst wurde?
  • …das Sandmännchen im Jahr 1979 für großen Ärger unter Parteifunktionären sorgte? In der betreffenden Episode war es mit einem Heißluftballon unterwegs – sehr geschmacklos, wie man befand, denn: Erst zwei Tage zuvor, am 16. September 1979, kam es zur berühmten Ballonflucht zweier Familien über die innerdeutsche Grenze aus der DDR nach Westdeutschland…
  • … es in den 1990er Jahren in Deutschland ein eigenes „Abendgruß-Kinderjoghurt“ mit dem Sandmännchen-Motiv am Deckel gab?
  • …dem Sandmännchen anlässlich seines 50. Jubiläums im Jahr 2010 ein eigener Kinofilm gewidmet wurde? Er hieß „Das Sandmännchen – Abenteuer im Traumland“. 

Wir wünschen dir eine gute Nacht, erholsamen Schlaf… und viele wunderbare Abenteuer im Traumland.

Text: HONGi / Bilder: Rakicevic Nenad, Annie Spratt und Aachal

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