Ruhige Nächte bei Babys und Kleinkindern: Sanfte Begleitung in den Schlaf

Lesedauer: ca. 8 Minuten

Dein Kind schläft mit 12 Monaten noch nicht durch? Nachbars Freunds Tochter hat schon mit 3 Monaten durchgeschlafen! Dein Dreijähriger will noch bei euch schlafen? Meiner war schon mit einem Jahr alleine in seinem Zimmer! Du musst dein zweijähriges Kind noch immer in den Schlaf wiegen? Meiner konnte schon mit 9 Monaten alleine einschlafen! OK, genug! Solche Beispiele, Vergleiche und indirekte Vorwürfe kennt jede Mama und jeder Papa nur zu gut. Doch wo liegt die Wahrheit? Wann müssen die Kinder lernen, alleine einzuschlafen, durchzuschlafen und im eigenen Zimmer zu übernachten? Die Antwort ist sehr einfach…

Es gibt sie: Die Babys, die schon sehr früh durchschlafen. Kleinkinder, die in ihrem Zimmer besser schlafen, als bei den Eltern. Oder Kinder, die nachts nicht zu ihren Eltern wandern, sondern im eigenen Bett die Nacht verbringen. Es gibt sie tatsächlich. Doch sind sie selten und dafür gibt es auch einen guten Grund

Kaum ein Thema macht Eltern unsicherer als der Schlaf der eigenen Kinder. Angefangen mit der Anzahl der Stunden, die ein Kind pro Tag schlafen sollte, gefolgt von Familienbett versus eigenes Zimmer, endend mit Einschlaftraining und ähnlichen Erfahrungen, die verzweifelte Eltern machen, um der gesellschaftlichen Norm zu entsprechen. Denn mehr als ein Wettbewerb ist es nicht. Einer, an dem man einfach nicht teilnehmen sollte. Doch hast du dein erstes Kind bekommen, sind viele Sachen noch so unklar und manche Informationen bekommst du als Tatsachen von deiner Umgebung serviert. Es fühlt sich vielleicht sogar komplett falsch an, doch alle machen es so. Oder etwa nicht?

 

Unsicherheit der frischgebackenen Eltern

Wie einfach und schön wäre doch die Welt des Elternseins, wenn nicht an jeder Ecke jemand lauern würde, der nur darauf wartet, frischgebackene Eltern zu verunsichern. Und gerade die Schlaflosigkeit macht uns für viele sonst so unwichtige Bemerkungen sehr empfänglich. Hast du ein paar harte Nächte hinter dir, fragst du dich, ob es allen Eltern so geht. Kommt dir eine sichtlich erholte Mutter von drei Kindern entgegen und schwärmt von durchgeschlafenen Nächten, fragst du dich bestimmt: Was mache ich falsch? Oder stimmt etwas mit meinem Kind nicht? Und die Zweifel sind geboren!

Leider sind auch die meisten Eltern nicht empathisch genug, um nicht damit zu prahlen, wenn ihre Kinder tatsächlich gute Schläfer sind. (Was absolut selten ist.) Manche sind dagegen wahre Meister der Täuschung und ihre unausgeschlafenen Köpfe blenden einfach aus, dass jede zweite Nacht ein Horror ist. Sie klammern sich eher an die Nächte fest, die wunderbar laufen, und erzählen voller Stolz davon. Doch ganz ehrlich? Die meisten Eltern erleben in den ersten 3 Jahren viele schlaflose Nächte! Und die meisten verbringen Abend für Abend bei ihren Sprösslingen, um diese in den Schlaf zu begleiten. Die gute Nachricht lautet: Es ist nichts Außergewöhnliches, ganz im Gegenteil. Es liegt an unserer Vergangenheit, an der guten, alten Evolution!

 

Wie viel Schlaf darf’s sein?

Um den Schlaf der Babys und Kinder besser einschätzen zu können, ist es hilfreich zu wissen, wie viel Schlaf sie ungefähr brauchen.

  • Babys bis drei Monate schlafen 14 bis 17 Stunden über den Tag verteilt.
  • Ab etwa vier Monaten schlafen Babys rund 12 bis 15 Stunden pro Tag. Je älter sie werden, desto mehr Schlaf wird auf die Nacht verlagert und die meisten Kinder brauchen dann tagsüber meist nur noch zwei Nickerchen.
  • Im zweiten und dritten Lebensjahr brauchen Kinder im Schnitt 11 bis 14 Stunden Schlaf pro Tag, meist verteilt auf zwei Schlafenszeiten: Nachts und mittags.

Diese Zahlen sprechen von einer durchschnittlichen Schlafdauer und können je nach Kind variieren. Schlicht und einfach gesagt: Auch bei Babys und Kleinkindern gibt es bereits eine Tendenz, ob sie mehr oder weniger Schlaf benötigen. Dies kann man auch kaum beeinflussen, ähnlich wie man Nachteulen und Frühaufsteher kaum ändern kann… Was allerdings alle Babys und Kinder gemeinsam haben, ist die sogenannte Trennungsangst. Und diese hängt mit unserer Evolution zusammen.

Nächtliche Partys statt Durchschlafen?

Kein Lebewesen wird unreifer geboren als das Menschenbaby. 9 Monate im Bauch sind zwar ausreichend, um den Körper mit all seinen Organen zu entwickeln. Doch gerade das Gehirn muss sich auch außerhalb des Körpers der Mutter weiterentwickeln und reifen. Im Vergleich zu anderen Säugetieren und auch den anderen Primaten sind Menschenkinder also Frühgeborene.

Gerade in den ersten 3 Lebensjahren wächst das Gehirn auf die zwei- bis dreifache Größe an. Es entwickelt sich, reift und verändert sich andauernd. Gerade dieses Wachstum führt dazu, dass Babys und Kleinkinder auch nachts noch Energiezufuhr benötigen. Deshalb wachen sie auf, um zu trinken. Aus evolutionsbiologischer Sicht ist nächtliches Aufwachen also eine normale Reaktion kleiner Kinder. Das Durchschlafen hat aber nichts mit dem Entwicklungsstand der Kinder zu tun. Manche Kinder benötigen die nächtliche Milch noch lange und öfters als andere. Es gibt kein genaues Alter, ab dem Babys und Kinder nachts keine Nahrung mehr bekommen sollten. Ein Rat an alle Eltern: gelassen bleiben. Der Tag wird kommen, an dem ihr Kind nachts nichts mehr trinkt. Dass es dann aber tatsächlich durchschläft, ist damit noch nicht gesichert, denn es gibt auch weitere Gründe, warum Babys und Kinder nicht durchschlafen. Einer davon ist das Bedürfnis nach Nähe und Sicherheit.

Baby Kind Schlaf

Alleine (ein)schlafen – ein Mythos?

Du denkst, wenn dein Kind schon nicht durchschlafen kann, sollte es zumindest alleine einschlafen lernen? Wenn wir uns diese Vorstellung aus der Sicht der Evolution anschauen, kommen wir zu dem Schluss, dass das alleinige Einschlafen gar nicht so logisch und normal ist, wie man denkt…

Damit ein Säugetier überhaupt schläft, braucht es in erster Linie Entspannung. Das heißt, ein Kind muss nicht nur müde und satt, sondern auch frei von Ängsten sein. Es muss sich geschützt und geborgen fühlen. Und genau das ist der Punkt, der es so schwer macht, Kinder alleine einschlafen zu lassen: Kinder spüren die schützende Nähe der Mutter oder des Vaters und schlafen dabei friedlich ein. Lässt man ein Kind alleine, fühlt es sich womöglich verloren, hat es mit Trennungsängsten zu kämpfen und verliert die notwendige Entspannung, die das Kind in den Schlaf führt. Das Ergebnis? Das Kind verlangt nach Wasser, muss noch einmal auf die Toilette, sucht noch nach einem Kuscheltier und, und, und… Tausend Gründe, warum Mama oder Papa immer wieder gerufen werden. Das Kind macht es nicht absichtlich, es will die Nerven seiner Eltern nicht auf die Probe stellen. Es sucht nur nach Sicherheit und will sehen, dass die Eltern WIRKLICH in der Nähe sind.

Die für den Schlaf nötige Entspannung bei Babys und Kleinkindern setzt also die Anwesenheit eines vertrauten Erwachsenen voraus. So unpraktisch dies auch scheint, evolutionsbiologisch betrachtet war es früher überlebensnotwendig: Ohne den Schutz von Erwachsenen einzuschlafen, war ein Rezept für den sicheren Tod. Die ungeschützten Winzlinge wären von wilden Tieren verschleppt oder gefressen worden, oder durch eine plötzliche Kaltfront unterkühlt worden. Die Evolutionsbiologie besagt also, dass kleine Kinder keine selbstständigen Schläfer sind. Und es gehört auch nicht zum natürlichen Lernprogramm eines kleinen Kindes, selbstständig schlafen zu lernen. Kleine Kinder lernen selbstständig zu laufen und sie werden von sich aus sauber, aber sie werden nicht aufgrund eines natürlichen Programms zu selbstständigen Schläfern. Weil es für sie unnatürlich ist.

 

Schlaf, Kindlein, schlaf!

“Was soll ich also tun?”, fragst du dich bestimmt. Du kannst in erster Linie darauf achten, dass dein Kind einen möglichst gleichen Tagesrhythmus hat, denn Routinen sorgen für ein zusätzliches Sicherheitsgefühl. Wenn du das abendliche Liegen bei deinem Kind mühsam findest, suche selbst nach Möglichkeiten, die für dich passen. Liest du gerne? Dann greife zu Büchern, die du schön findest und lese deinem Kind vor. Oder schalte ein Hörbuch ein und kuschle mit deinem Kind, bis es schläft. 

Wenn es geht, sollten sich Eltern beim Hinlegen auch abwechseln, denn das sorgt für mehr Freiraum für beide. Viele Eltern beschweren sich, dass das Hinlegen oft stundenlang dauert. Dies kann ein Zeichen dafür sein, dass das Kind nicht müde genug ist. Denn müde Kinder schlafen auch recht schnell ein. In dem Fall kannst du schauen, ob es sinnvoll ist, das Mittagsschläfchen zu verkürzen oder komplett ausfallen zu lassen. Wenn es nicht daran liegt, kannst du abends noch einige körperliche Aktivitäten einplanen. Vor dem Abendessen eine Stunde Radfahren gehen oder ein Spaziergang an der frischen Luft machen garantiert müde. 

Viele Eltern denken, dass das Kind durch zu viel Aktivität noch “aufgedrehter” wird. Es kommt darauf an, wann und wie man diese Zeit gestaltet. Eine wilde Kissenschlacht kurz vor dem Schlafen kann durchaus dazu führen, dass das Kind zu aufgeregt wird. Planst du allerdings genug Zeit zwischen der Aktivität und dem Schlaf ein, wird sich die Müdigkeit bemerkbar machen. Aber auch hier gilt: Probieren geht über studieren, denn es gibt Kinder, die “ihre” 5 Minuten Toben vor dem Schlafengehen brauchen, um die restliche Energie abzubauen. Anschließend fallen sie ins Bett und schlafen auch schnell ein. 

Wichtig ist auch darauf zu achten, wann das Kind müde ist: Etwa alle 50 Minuten kommt ein kleines Kind von einer aktiveren Phase in eine beruhigte Phase. Das ist genau der richtige Zeitpunkt fürs Einschlafen. Wird dieser Zeitpunkt verpasst, wird das Kind wieder aktiv und das Einschlafen kann länger dauern.

 

Jedes Kind kann schlafen lernen. Wirklich?

Die Antwort lautet nein! Schlafen ist nichts, was man lernt. Es hängt stark von der Entwicklung und dem Charakter des Kindes ab. Manche Babys verlangen beim Einschlafen mehr Nähe als andere Kinder. Laut einer Studie könnte dies gerade für solche Kinder gelten, die tagsüber auf eine enge, verlässliche Bindung zu ihren Eltern zurückgreifen können. (Sicher gebundene Kinder sollen somit sogar häufiger Schlafprobleme als unsicher-vermeidend gebundene Kinder haben.) Fakt ist, dass Babys beim Einschlafen ohne elterliche Anwesenheit auf keine Verhaltens- oder Lernprogramme zurückgreifen können, die sie evolutionsbedingt abgespeichert hätten. Somit ist bei jedem Einschlafprogramm, welches Kinder zum alleinigen Ein- und Durchschlafen trainieren soll, mit Protesten zu rechnen. 

Sehr bekannt ist die Methode des „kontrollierten“ Schreienlassens von Ferber. Manche schwören darauf, doch was passiert, wenn man das Kind schreien lässt? Das Spenden von Trost und das Eingehen auf die kindlichen Bedürfnisse kommt zu kurz. Hört irgendwann ein Baby oder ein Kind auf zu schreien? Ja, wahrscheinlich schon. Doch nicht deshalb, weil es verstanden hat, dass es sicher ist, sondern weil es schlicht und einfach resigniert hat. Ganz unter dem Motto “keiner hört mich und keiner reagiert auf meine Bedürfnisse und Ängste, also muss ich auch nicht schreien.” Dem Kind fehlt also weiterhin die elterliche Präsenz, die es bei Unsicherheit und Angst zu Recht erwartet – und in anderen Situationen auch bekommt.

 

Lang ersehnter Schlaf

Was tun also, um das Kind zum Einschlafen und Durchschlafen zu bringen? Die einzig sichere Methode ist Durchhalten. Klar, man kann gewisse Probleme “beseitigen”, wie beim viel zu langen Einschlafen oben beschrieben wurde. Doch am Ende ist das Thema Schlaf etwas, wo Druck machen nicht viel bringt. Das selbstständige Einschlafen ist kein von Natur aus vorgesehener Meilenstein der Entwicklung. Im Gegenteil: der Entzug von Nähe war früher einfach sehr gefährlich. Es ist also verständlich, dass Babys und Kinder die Nähe der Eltern so dringend benötigen und verlangen. Dennoch wäre es falsch die elterlichen Bedürfnisse komplett außer Acht zu lassen: Am besten man sucht einen Weg, der für das Kind und für die Eltern passt und blendet die “gut gemeinten” Ratschläge der Umgebung aus.

Bekommt ihr alle nur dann genug Schlaf, wenn das dreijährige Kind bei euch schläft, dann müsst ihr auch nicht dagegen kämpfen, nur weil die Nachbarin sagte, dass… Kauft euch ein größeres Bett und gute Nacht! Abendliche Stunde im Bett mit dem Kind ist dir viel zu lang? Vielleicht hilft es den Blickwinkel zu ändern: Die Zeit vergeht viel zu schnell. Ehe du dich umschaust, ist dein Kind zu groß und zu cool, um Mama oder Papa ins eigene Zimmer zu lassen. Versuche diese Kuschelstunden mit deinem Kind zu genießen, so lange es geht. Sie sind schneller um, als du denkst. Suche nach Wegen, die für euch alle angenehm sind und die Situation einfacher machen. Denn manchmal verschwinden viele Probleme schon dadurch, dass man den Druck aus der Sache raus nimmt und das Thema  entspannter  betrachtet.

 

Möchtest du uns erzählen, wie die Abende und Nächte mit deinem Kind aussehen? Wir freuen uns über ein Kommentar!

Text: HONGi / Bilder: Rainer_Maiores und Nikolay Osmachko

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